Brückenklassenkonzept

  1. Eckpunkte

Die Schulwerkstatt / Brückenklasse ist eine Kooperation zwischen dem Kinder- & Jugendzentrum „Kontakt Erfttal“ (Träger: Sozialdienst Katholischer Männer Neuss e.V.), der Comenius-Schule Neuss und dem Schulverwaltungsamt der Stadt Neuss. Die Schulwerkstatt startete im Schuljahr 2001 / 2002 an der Gemeinschaftshauptschule an der Gnadentaler Alllee (GHS). Nach Auflösung der Schule wurde die Schulwerkstatt an die Ganztagshauptschule Geschwister-Scholl verlagert. Ab dem Schuljahr 2016 / 2017 übernimmt die Comenius-Schule den schulischen Projektteil.

Die Finanzierung erfolgt unverändert aus dem städtischen Haushalt und aus Mitteln des Kinder- und Jugendförderplanes des Landes NRW unter dem Titel „Projekte zur Vermeidung schulischen Scheiterns“ über das Landesjugendamt.

Die Grundstruktur aus schulischem und handwerklichem Lernen bleibt bestehen, ebenso die Teilnehmerzahl mit maximal 15 Schülerinnen und Schülern. Zukünftig wird der präventive Charakter durch den Einstieg bereits in Klasse 7 verstärkt. Der Zugang zur Schulwerkstatt steht grundsätzlich allen in Frage kommenden Neusser Schülerinnen und Schülern offen, diese werden in Abstimmung mit der Schulleitung der Comenius-Schule Schüler dieser Schule. 

Die Schule stellt entsprechende Lehrerstundenanteile für den Unterricht in den Kernfächern an drei Tagen in der Woche. Der übrige Teil der Woche wird in der Werkstatt der Jugendeinrichtung Kontakt Erfttal (SKM e.V.) mit handwerklichen Projekten organisiert. Für die Projektarbeit im Kontakt Erfttal stehen 1,6 Personalstellen für sozialpädagogische Fachkräfte zur Verfügung.

  1. 2Zielgruppe

Die Schulwerkstatt befasst sich mit Jugendlichen, die aufgrund vielschichtiger Probleme aus dem Lernprozess der Schule aussteigen oder herausfallen.

Die Schüler/innen verweigern auf unterschiedlichste Art die Teilnahme am Unterricht und zeigen verschiedene charakteristische Merkmale auf:

  • Sie können sich nicht dauerhaft auf den Unterricht konzentrieren.
  • Sie zeigen eine geringe Leistungsbereitschaft.
  • Sie stören während ihrer Anwesenheit so massiv, dass ein geordneter Unterricht in der Regelklasse nicht möglich ist.
  • Sie schwänzen immer wieder einzelne Tage oder haben die Schule über einen längeren Zeitraum unentschuldigt nicht besucht.
  • Sie bedürfen einer Unterstützung, weil die Familie diese nicht leisten kann.
  • Sie besitzen eine Bildungsbenachteiligung aufgrund ihres Migrationshinter-grundes.
  • Sie weisen Symptome von Lernbehinderung und Lernbeeinträchtigung auf.

Weist ein Schüler/in eine oder mehrere dieser Verhaltensauffälligkeiten auf, kann per Konferenzbeschluss die Zuweisung zur Schulwerkstatt erfolgen. Die Gründe für diese Verhaltensauffälligkeiten sind mannigfaltig, und oft sind die schulischen Auffälligkeiten das sichtbare Resultat einer jahrelangen Entwicklung. Einer Schulverweigerung gehen meist familiäre Probleme wie Vernachlässigung, Gewalterfahrung und Desinteresse oder Überforderung der Eltern voraus. Seltener spielen auch individuelle Faktoren wie z. B. ADS/ADHS oder bisher nicht erkannte Lernschwächen eine Rolle. In allen Fällen ist es den Lehrer/innen mit den gegebenen schulischen Mitteln nicht möglich, die Jugendlichen in den geregelten Schulalltag einzubinden.

1.3       Zielsetzung

Das primäre Ziel ist präventiver Natur. Erste Ansätze von Schulverweigerung mit dem daraus resultierenden schulischen Scheitern sollen frühzeitig erkannt und korrigiert werden. Eine baldige Rückführung in eine Regelklasse ist angestrebt, um den Erwerb eines Schulabschlusses nicht zu gefährden. Durch den methodischen Ansatz aus handwerklichem und schulischem Lernen soll die grundsätzliche Motivation für Schule wiederhergestellt werden. Daneben ergibt sich der sekundäre Effekt, dass durch das Herausnehmen der Jugendlichen in der abgebenden Regelklasse für die verbleibenden Schüler/innen wieder ungestörter Unterricht stattfinden kann. Neben diesen gesetzten Zielen werden als Nebeneffekt erste Anregungen im Rahmen der frühen Berufsorientierung gesetzt (handwerkliche Projekte in der Werkstatt der Jugendeinrichtung). Um die Zielsetzung zu erreichen, werden drei Ansätze verfolgt:

 

 

1.3.1  Förderunterricht am Lernort Schule

 

In der Comenius-Schule werden die Kernfächer Mathematik, Deutsch und Englisch unterrichtet. Ergänzt wird der Stundenplan durch die Fächer Gesellschaftslehre, Naturwissenschaften, Sport, Technik und Hauswirtschaft. Im Vergleich zur Regelklasse ist der Stundenumfang in der Schulwerkstatt geringer.

Der Unterricht erfolgt nach einer leistungsspezifischen Differenzierung der Gruppe und erfordert von den Pädagogen ein hohes Maß an Flexibilität, Einsatzbereitschaft und Kreativität, damit die schulischen Inhalte, eventuell auch aus verschiedenen Jahrgangsstufen vermittelt werden können. Mit der Einrichtung der Schulwerkstatt an der Comenius-Schule – der Unterricht findet von Dienstag bis Donnerstag in der Comenius-Schule statt – nehmen die Schülerinnen und Schüler weiterhin am sozialen Geschehen der Schule teil, pflegen im Schulumfeld ihre sozialen Kontakte und das Zugehörigkeitsgefühl wird begünstigt.

Die Klassenstärke von maximal 15 Schülern/innen ermöglicht den mindestens zwei Betreuungspersonen bei Bedarf ein Eingehen auf individuelle Belange Einzelner, ohne den Unterricht für die restlichen Schüler/innen zu unterbrechen bzw. zu behindern.

 

 

1.3.2  Der sozialpädagogische Ansatz der Schulwerkstatt / Brückenklasse

 

Der sozialpädagogische Ansatz verfolgt die Anwesenheit und Begleitung in den Lernprozessen durch das sozialpädagogische Personal während des gesamten schulischen und werkpädagogischen Unterrichts. Es nutzt die gewonnenen Erkenntnisse aus dem beobachtbaren Verhalten der Gruppe und jeder/jedes einzelnen Jugendlichen, um daraus die Maßnahmen für das soziale Training abzuleiten. Das soziale Training ist der Grundbestandteil der pädagogischen Einzel- und Gruppenarbeit. Ziel ist es, die Persönlichkeit der Jugendlichen zu festigen und die Wiedereingliederung in den Regelunterricht zu unterstützen. Die Verweildauer der Schülerinnen und Schüler in der Schulwerkstatt hängt nicht zuletzt vom Erfolg des Sozialtrainings ab.

 

Die Schüler werden dabei nicht alleine betrachtet, sondern ihr gesamtes soziales Umfeld wird miteinbezogen. Die Elternarbeit ist ein entscheidender Schwerpunkt der täglichen Arbeit und eine wichtige Kooperationsform der Schulwerkstatt. Die Elternarbeit kann beratenden Charakter haben aber auch bis hin zu Hausbesuchen ausgedehnt werden. Dies ist von jedem spezifischen Einzelfall abhängig. Eine kooperative Elternarbeit ist für den Erfolg der Schulwerkstatt von herausragender Bedeutung, der Ursprung der Schulverweigerung liegt nicht ausschließlich

in der Schule begründet, vielmehr sind Probleme häufig auch im außerschulischen Bereich und in der Familie zu finden.

Ob die Elternarbeit produktiv genutzt werden kann, hängt von dem jeweiligen Beteiligungswillen ab. Viele Eltern zeigen wenig Interesse am schulischen Leben ihrer Kinder, daher werden sie verstärkt in die Pflicht genommen. Jegliches Fehlen der Schüler/innen wird den Eltern unverzüglich über telefonische Kontakte gemeldet und eigenes fehlendes Engagement direkt angesprochen. Wenn die Zusammenarbeit nicht funktioniert, wird versucht durch die Einschaltung des örtlichen Jugendamtes oder weiterer Fachdienste eine Verhaltensänderung bei den Jugendlichen und den Eltern zu erreichen. In letzter Konsequenz werden Ordnungsmaßnahmen ergriffen.

 

Für den Erfolg der Schulwerkstatt wird der Jugendliche ganzheitlich betrachtet und seine komplette Lebenswelt in den Prozess integriert. Dies schließt den alleinigen Fokus auf die Schule aus. Alle individuellen Fähigkeiten und Kompetenzen werden berücksichtigt, den Jugendlichen aufgezeigt und auf Grundlage erkannter Potentiale ausgebaut. Die Beziehungsarbeit auf der persönlichen Ebene ist dabei ein Schwerpunkt für den Zugang zu den Jugendlichen, denn eine vertrauensvolle Beziehung der sozialpädagogischen Fachkraft mit dem Jugendlichen schafft die Basis für die sozialpädagogische Betreuungsarbeit. Zum Einsatz kommen soziale Trainingsmaßnahmen der Einzel- und Gruppenarbeit.

  • In der Einzelarbeit werden individuelle Probleme, die auf die Jugendlichen wirken, aufgegriffen und bearbeitet. Sie beinhalten die Unterstützung in der täglichen Lebensgestaltung, der zukünftigen Lebensplanung, der Hilfe bei persönlichen Krisen und unterstützen den Einstieg in das spätere eigenständige Leben und Wohnen.
  • Im sozialen Training der Gruppenarbeit, setzen sich die Schüler/innen in einem gemeinsamen Prozess mit anderen Schüler/innen unter sozialpädagogischer Leitung mit ihren Problemen auseinander.

Abgerundet wird der sozialpädagogische Ansatz durch Sport-, Freizeit- und erlebnispädagogische Aktivitäten. Außerdem sind Zubereitung und gemeinsamer Verzehr eines Mittagessens fester Bestandteil eines Schultages im Kinder- und Jugendzentrum „Kontakt Erfttal“.

 

 

  1. Der werkpädagogische Ansatz am Lernort Werkstatt

 

Am Montag und Freitag findet der Unterricht am Lernort der Jugendhilfeeinrichtung Kontakt Erfttal statt. In der Werkstattarbeit wird ein hohes Maß an Handlungsorientierung in Form von Projektarbeit erreicht. Die Projektarbeit verknüpft Theorie, Praxis und soziales Lernen und ist eine effektive Methode bei Schülerinnen und Schülern, die eher praktisch als theoretisch lernen. Es wird eine strukturierte Aufgabe erteilt, die in einem vorgegebenen Zeitrahmen bearbeitet werden soll. Es werden theoretische Vorgaben gemacht, deren Inhalte und Verständnis sich über die praktische Arbeit erschließen lassen. Motivation und Lernerfolg sind bei den Schülerinnen und Schülern mit diesem Ansatz nicht selten höher als im Schul- bzw. Förderunterricht. Über die Werkstattarbeit werden zusätzlich handwerkliche Tätigkeiten erlernt und Praxiserfahrung gesammelt, die zu einem späteren Zeitpunkt eine berufliche Orientierung ermöglichen und berufliche Kompetenzen steigern. Die Projektinhalte geben eine Beschäftigung mit verschiedenen Werkstoffen vor. Die Schüler stellen Produkte mit geringem Zeitaufwand her, erkennen schnell ein Ergebnis und erfahren auf diesem Weg einen persönlichen Erfolg. Über die Produktion eines Werkstücks für die Schule, die Schulklasse, weitere Institutionen oder den eigenen Gebrauch, wird die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler gefördert, sie steigern ihr Selbstwertgefühl und der reale Bezug wirkt sich positiv auf die Motivation aus.

Der Vorteil der Projektmethode liegt im hohen Beteiligungsgrad und der Eigenverantwortung der Jugendlichen. Sie steigert die Identifikation mit der Aufgabe bzw. dem Produkt und das praktische Arbeiten fördert die Motivation. Zudem werden die Ausdauer, das Verantwortungsbewusstsein, die Organisationsfähigkeit und das Selbstbewusstsein begünstigt. Der nötige Handlungsrahmen, in dem die Jugendlichen ihre Interessen und Neigungen einbringen können, wird vorgegeben. Neben dem hohen Lernfaktor über praktisches Arbeiten, ist die bereits beschriebene hohe Motivationsfähigkeit der Projektmethode erfolgreich und darüber hinaus begünstigt sie kooperatives Lernen. In diesem sozialen Lernprozess bringen sich die Schüler/innen individuell in eine Partner- oder Gruppenarbeit ein. Die Selbstkompetenz jedes Einzelnen wird dabei gefördert. Sie kommunizieren miteinander und arbeiten sozial in der Gruppe zusammen. Entscheidungen werden im Kollektiv getroffen und gegebenenfalls revidiert. Dies kann zu Konflikten und Frustsituationen führen. Hier lernen sie in solchen Situationen angemessen zu reagieren und stärken so ihre Sozialkompetenz, Kommunikations-, Team- und Konfliktfähigkeit. Jeder Einzelne bringt seine persönliche Leistung in die Projektgruppe ein und liefert seinen Beitrag zum Gelingen des Gemeinschaftsprojektes. Jeder kann seine Leistung mit denen der Anderen vergleichen. Kooperatives Lernen dient insbesondere zur Aneignung von Fachwissen und -kompetenz und ist besonders für heterogene Gruppen von Lernenden geeignet.